Goldgräber mit Spraydosen-Phobie

Im Frühling 2008 wars, da witterte die Strombranche Morgenluft. Die «Kostendeckende Einspeisevergütung» (KEV), die das Bundesamt für Energie damals ankündigte, war für sie wie ein Millionenlos mit garantierten Gewinnchancen. Die KEV, mit der die Stromproduktion aus Wind, Sonne, Kleinwasserkraft und Biomasse gefördert wird, machte jedes einigermassen anständig bemessene Scheunendach zu einer möglichen (und rentablen!) Solarstromfabrik und jeden halbwegs fliessenden Bergbach zur potentiellen Geldquelle. Goldgräberstimmung machte sich breit. Und weil neben den Profiten auch noch ein kräfiger Imagegewinn lockte («Seht her, wir sind umweltfreundlich!») zogen Heerscharen von Technikern aus, sich das Land untertan zu machen. Genauer: die Bergbäche im Land. Ingenieure von verschiedenen Stromkonzernen vermassen jedes Rinnsal auf seine Eignung für ein mögliches Kleinwasserkraftwerk, zeichneten Pläne und reichten diese ein, auf dass das Bundesgeld fliesse. Über 600 Projekte für Kleinwasserkraftwerke zählte man beim Bundesamt für Energie (BFE). 0,2 Prozent des Stromverbrauchs sollten so dereinst gedeckt werden können.

Allein im Kanton Bern sollten nach den Projekten 90 von ihnen Strom liefern. Ob am unberührten Färmelbach an der Lenk, im malerischen Roselauital oder am Bachläger-Wasserfall in Grindelwald: Kein Bach war zu klein, als dass er nicht ins Visier der Kraftwerkbauer kam. Der Schutz der oftmals unberührten Landschaften spielte dabei für die Stromkonzerne keine Rolle. Bei über zehn Prozent der eingereichten Projekte ortete das BFE denn auch die Gefahr einer möglichen Umweltzerstörung.

Dazu mochte jedoch an einigen Orten die Bevölkerung nicht Hand bieten. In Grindelwald etwa sammelte ein Komitee Unterschriften gegen die Verbauung des Bachläger-Wasserfalls. Für ein «so idiotisches Kraftwerk» lasse er sicher nicht zu, dass die von den Touristen geschätzte unberührte Landschaft zerstört werde, erklärte Walter Steuri, ehemaliger Direktor der Jungfraubahnen, im «Beobachter». Über 1600 Grindelwaldnerinnen und Grindelwaldner waren gleicher Ansicht und unterschrieben seine Petition.

Nun sind sie nach Lesart der BKW schuldig oder zumindest mitschuldig: Daran nämlich, dass der Berner Stromkonzern sein ursprüngliches kommuniziertes Ziel, bis ins Jahr 2030 eine Terawattstunde Strom mit erneuerbaren Energien zu produzieren, bereits zwei Jahre nach Einführung der KEV (und knapp 20 Jahre vor dem selber definierten Zeitpunkt) für unrealistisch erklärt. Neu will die BKW bis 2030 bloss noch 0,6 Terawattstunden Strom mit erneuerbaren Energien produzieren. Wenn die Erfahrungen aus Grindelwald der Massstab seien, so erklärte BKW-Direktionsmitglied Martin Pfisterer, «dann wird es einfach schwierig».
Überhaupt, dieser böse, böse Widerstand: Keiner wolle ein Kleinwasserkraftwerk vor der Haustür, und einen Windpark schon gar nicht, klagt die BKW. Es sei sogar schon vorgekommen, dass Windräder mit Grafittis besprayt worden seien!

Die atomkritischen Organisationen haben ob diesen Ausführungen des Berner Stromkonzerns pflichtgemäss aufgeheult. Billige Propaganda sei dies, liessen sie verlauten. Schliesslich gehe es der BKW nur darum, im Hinblick auf die Konsultativabstimmung über Mühleberg II am 13. Februar Stimmung für die Atomkraft zu machen. Da mag wohl mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit drinstecken, aber eine Frage bleibt nach der peinlichen BKW-Übung dennoch: Wie um Himmels Willen will ein Unternehmen, das sich von ein paar hundert Unterschriften und ein paar Kritzeleien in die Flucht schlagen lässt, ein ganzes Atomkraftwerk bauen?

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Über Thomas Angeli

Redaktor beim «Beobachter» in Zürich, Recherchetrainer
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