Wo Datenberge sich erheben…

Der Job eines Journalisten, so wurde mir einst an der Uni uns später in der Redaktion eingetrichtert, sei es, auszuwählen, zu straffen, Unverständliches kurz und knapp verständlich zu machen (und noch einiges mehr). Die Tipps erweisen sich leider spätestens dann als obsolet, wenn man merken muss, dass man trotz allem Auswählen und Straffen und Verständlichmachen immer noch viel zu viel Material hat und doch am liebsten alles verwenden möchte.

So geschehen in der aktuellen Titelgeschichte des Beobachters, «Natur im Würgegriff». Berge von Material lagen auf unseren Pulten: Statistiken, Grafiken, Artikel, Bücher, Karten, undundund. Die Auswahl fiel uns noch schwerer als sonst, die alte journalistische Weisheit «kill your darlings» (zu Deutsch und etwas weniger martialische etwa: Streiche deine Lieblingspassagen) endete in einem redaktionellen Massenmord.

Dem Internet und vielen fleissigen Datensammlern, Mathematikerinnen und Grafikern sei Dank, sind nicht alle «darlings» verloren. Ein Teil unserer Lieblingsinformationen zum Thema Landschaftsverlust liegen – übrigens schon seit längerem, aber viel zu wenig beachtet – kurz erklärt, verständlich geschrieben und gut dargestellt in einer Publikation des Bundesamts für Statistik vor: Die Arealstatistik ist ein Muss für Leute, die mehr wissen wollen darüber, wie und warum sich unsere Umwelt ständig verändert. Der einzige Makel: Wegen des riesigen Aufwandes – die Arealstatistik beruht vor allem auf Auswertungen vonn Luftaufnahmen von Swisstopo – wird das Werk nur alle 12 Jahre komplett neu aufgelegt. So scheinen einige Daten ziemlich alt. Interessant sind sie trotzdem. Ein paar Beispiele – verbunden mit der Aufforderung, die Datenberge selber weiter abzusuchen:

Die Grafik «Verkehrsanteil und Verkehrsflächenzunahme» etwa zeigt, wo die meisten Strassen gebaut werden: Nicht etwa im Mittelland, sondern im Alpenraum. Die Statistik liefert den Beleg: In den Tourismusregionen wird nicht nur in die Höhe gebaut, sondern auch kräftig asphaltiert.

Oder die Siedlungsfläche: Sie soll gemäss der Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes nicht mehr als 400 Quadratmeter pro Person betragen. Eingerechnet werden dabei unter anderem Industrieareale, Strassen und Wohnfläche. Zwischen der Erhebung 1979/85 und 1992/97 wuchs die Fläche schon bedrohlich nahe an die definierte Obergrenze heran, von 382 auf 397 Quadratmeter pro Person. Wenig überraschend, aber trotzdem erhellend: 71 Prozent der neuen Siedlungsflächen entstanden auf ehemaligem Landwirtschaftsland.

Dass sich der Mensch auch an Orten niederlässt, wo er eigentlich nichts zu suchen hat, zeigt die Statistik über die Zunahme der Nutzungen in Schutzgebieten. Dort wuchs die Siedlungsfläche um über 11 Prozent. Aber wie sagt der emeritierte Professor für Natur- und Landschaftsschutz, Klaus Ewald, im Beobachter: «Das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung ist nicht viel mehr als ein Papiertiger.»

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Über Thomas Angeli

Redaktor beim «Beobachter» in Zürich, Recherchetrainer
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